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Gerade wurde er wieder verliehen, der Titel Freelancer des Jahres 2017. Um in zwei Jahren gute Chancen zu haben, empfiehlt sich heute bereits, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Denn, nicht alles lässt sich kurzfristig realisieren.

Der Titel, Freelancer des Jahres wird vom IT-Freelancer Magazin verliehen. Der Wettbewerb findet alle zwei Jahre statt. Die nächste Möglichkeit, diesen Titel verliehen zu bekommen, besteht wieder im Jahr 2019.

In diesem Jahr haben knapp 40 Selbstständige an dem Wettbewerb teilgenommen. Eine, wie ich finde, erschreckend geringe Zahl. Diese wurden von einer 11-köpfigen Jury bewertet. Neu war das Open Book-Bewertungsschema. Bewertet wurden der Unternehmerische Auftritt (Web, XING etc.) mit 40 % Gewichtung, Projekterfolge und Referenzen mit 30 %, der rote Faden im Hinblick auf Skills, Branche etc. mit 20 % und der IT Freelancer Spirit mit 10 %. Allerdings erhält der Teilnehmer kein detailliertes Feedback und auch nicht die erreichte Punktzahl oder Wertung. Ich selbst konnte mit dem Feedback, das mir die Jury zukommen ließ, nichts anfangen. Einen Preis habe ich nicht erhalten, was anfänglich sicherlich enttäuschend war. Aber jetzt, wo die Preisträger feststehen, konnte ich deren Auftreten analysieren und habe daraus 5 Tipps ableiten können.

Hippes Thema hilft

Um an dem Wettbewerb teilnehmen zu können, sollte der Freiberufler den Prozess der Positionierung durchlaufen haben. Ein klarer Fokus sollte auf den ersten Blick erkennbar sein. Damit wirkt der Selbstständige mit seinen Fähigkeiten glaubwürdiger. Mein Eindruck ist, dass es für den Wettbewerb wichtig ist, das technische Knowhow in den Mittelpunkt zu rücken. Alle drei Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs haben eine klare inhaltliche Ausrichtung. Rüdiger Deppe bietet SAP ABAP und ABAP OO-Entwicklung aller Art an. Der zweitplatzierte Dr. Alexander Engelhardt hat sich als Experte für Data Science, Big Data, Analyse und statistischem Consulting positioniert. Thematisch und branchenspezifisch ist er breit gefächert aufgestellt. Beide bieten ihre Leistungen in unterschiedlichen Rollen an: Consultant, Trainer oder auch Entwickler. Auch der drittplatzierte Harald Molina-Tillmann hat einen klaren technischen Fokus auf Multimedia. Dabei unterstützt auch er seine Kunden in unterschiedlichsten Rollen, z. B. als Systemarchitekt, Designer, Systementwickler oder in der Qualitätssicherung. Bei mir hat die Tatsache, dass ich mehrere solcher Rollen wahrnehme, Kritik eingebracht und die Frage, nach dem Geschäftsmodell.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Aktualität des fachlichen Themas eine wichtige Rolle gespielt hat. Diese können Bonuspunkte bringen. Wer mit einem weniger trendigen Thema antritt, hat wohl einfach schlechtere Karten.

Einfachheit, Kürze und Technik sind Trumpf

Technik, Technik, Technik. Als Teilnehmer am Wettbewerb sind die Agenturen Ihre Zielgruppe. Und die sind darauf spezialisiert, Stichwörter zu Technologien, Methoden und Tools vorzufinden. Schließlich geht es darum, dass möglichst viele Begriffe aus den Projektausschreibungen sich in ihrem Profil wiederfinden.

Wer stattdessen wie ich, nutzenorientiert auftritt, sein spezielles Vorgehen oder seine Lösungen anbietet, passt nicht in das Beuteschema der Agenturen. Die Jury ist primär mit Agenturvertretern besetzt und nicht mit Endkunden bzw. den Projektentscheidern. Interessant ist dabei der Blick auf die beste Webseite, einer der beiden Sonderpreise, die vergeben wurden. Hier reichte es aus, eine Seite eines Webbaukastens, das speziell für Berater angeboten wird, auf das eigene Profil anzupassen. Der Webauftritt von Rüdiger Deppe basiert auf der Basis des Themes https://kriesi.at/themes/enfold-consulting. Es wurden einige Bilder sowie die Texte angepasst und fertig war die prämierte Webseite, inklusive der Geschäftszeiten, die für einen Selbstständigen ungewöhnlich sind. Übrigens: In den drei letzten Wettbewerben (2017, 2015 und 2013) hat der Erstplatzierte auch immer noch den Sonderpreis für die beste Homepage erhalten.

Persönlichkeit und Nutzen haben keinen Platz in dem Auswahl- und Bewertungsprozess der Agenturen und damit auch bei diesem Wettbewerb. Typische Kriterien, die Selbstständigen anderer Branchen empfohlen werden, finden keine Anwendung oder Berücksichtigung. Erneut wird deutlich, dass Ressourcen vermittelt werden und nicht etwa Experten, die mit Unternehmergeist, intrinsischer Motivation, Individualität und Kreativität ihr Business betreiben. Das funktioniert in allen anderen Branchen, nicht jedoch in der IT, bei der Agenturen die Auswahl und Auftragsvergabe dominieren.

Auch für die Gestaltung des Profils gilt diese Richtlinie. Ähnlich dem Lebenslauf (Curriculum Vitae), den Angestellte nutzen, sollte das Freiberufler-Profil aufgebaut sein. Hier empfiehlt sich, keine Experimente einzugehen. Orientieren Sie sich an dem Branchenstandard, ähnlich dem Gulp-Profil.

Ich selbst erhielt ein Feedback, dass die typische Reihenfolge einfordert. Persönliche Besonderheiten gehören eher ans Ende („Auszeichnungen, Veröffentlichungen bitte ans Ende des CVs.“). Irritiert hatte mich der Hinweis bezüglich der Länge der dargestellten Projekte („Projekttätigkeiten könnten etwas ausführlicher dargestellt werden“). Diese hatte ich mein Profil nach diversen Gesprächen mit Agenturvertretern um eine Projektübersicht ergänzt, die alle Projekte auf einer A4-Seite zusammenfasste. Jedes einzelne Projekt war im weiteren Profil nochmals auf bis zu einer halben A4-Seite ausführlich dargestellt, teilweise sogar mit einer Arbeitsprobe. Vermutlich war mein Profil mit mehr als 10 Seiten einfach zu lang.

Interview mit IT Freelancer Magazin

Meine Recherchen ergaben einen weiteren interessanten Aspekt: Sowohl der Erst- wie auch der Zweitplatzierte, die jeder noch einen der Sonderpreise (Community Award und Beste Homepage) hatten dem IT Freelancer Magazin bereits im Sommer ein Interview gegeben. Aus diesem Grunde empfiehlt sich, frühzeitig Kontakt mit dem IT Freelancer Magazin aufzunehmen, ggf. als Autor aktiv zu werden und sich für ein Interview bereithalten. Damit verschafft man sich vermutlich aufgrund des persönlichen Kontaktes wertvolle Sympathiepunkte.

Kritik unerwünscht

Auch, wenn es um den Freelancer des Jahres geht, bei dem Fachlichkeit und Auftritt bewertet werden, muss man sich darüber bewusst sein, dass die Jury und die Sponsoren überwiegend mit Agenturen besetzt ist.

Fangen Sie also rechtzeitig an, die Kontakte mit den Agenturen zu pflegen. Rüdiger Deppe der Erstplatzierte gibt beispielsweise in seinem Interview an, dass er Kontakt zu 4500 Agenturvertretern hat. Dies scheint wertvolle Punkte zu bringen.

Bei Veröffentlichungen oder auch Kommentaren in den sozialen Netzwerken sollten Sie darauf achten, nicht kritisch gegenüber den Agenturen aufzutreten. Ich weiß, dass ich viele Agenturvertreter gegen mich aufgebracht habe, durch mein Engagement und meine klaren Worten, die ich im Rahmen der Debatten um die Scheinselbstständigkeit geäußert habe. Ich unterstelle hier nichts, aber wieso sollte die Jury jemanden küren, der ihnen bereits vorher unangenehm aufgefallen ist?

Dezente Persönlichkeit

Es geht um Einsen und Nullen in der IT, Bits und Bytes, Architektur und Datenströme und vieles Mehr, das mit Technik zu tun hat. Der Mensch steht in diesem Umfeld nicht so sehr im Fokus. Auch, wenn wir in jedem Projekthandbuch und auf jeder Tagung immer und immer wieder betonen, wie wichtig der Mensch ist, der das Projekt unterstützt. Uns allen, fallen sofort viele Beispiele ein, bei denen wirklich gute Fachexperten Projekte gefährdet haben, weil sie von ihrer Persönlichkeit, ihrer Teamfähigkeit oder ihrem Auftreten einfach nicht gepasst haben.

Für mich als selbstständige Beraterin ist es wichtig, dass meine Kunden wissen, welche Persönlichkeit, welchen Menschen sie sich einkaufen. Deshalb strahlt meine Webseite www.christaweidner.de viel Persönliches aus. Mithilfe eines Videos sollen Besucher und potentielle Kunden in die Lage versetzt werden, zu entscheiden, ob sie mit mir zusammenarbeiten wollen. Und das bereits, bevor Sie mich persönlich kennenlernen. Denn neben der fachlichen Expertise sollte der Externe auch ins Projekt passen. Alles andere kostet Kraft und Geld.

Das verkraftet jedoch ein Agenturbusiness, das Masse umsetzen muss, nicht. Erschreckt vielleicht sogar, denn Persönlichkeit kann anstrengend und sperrig sein. Gefordert wird ein sich einfügender, angepasster, flexibler Berater, dem man sagt, was er tun soll und der dafür das notwendige Knowhow im Kopf hat. Apropos Berater: Auffallend ist auch die Frauenquote. Bislang haben lediglich drei Frauen Preise von insgesamt 34 erhalten. Das entspricht einem Prozentsatz von 8,8 % und zeigt, dass man als Frau keinen Quotenbonus enthält sondern sich scheinbar sogar schwerer tut, den Anforderungen der Jury zu entsprechen.

Es empfiehlt sich also, den unpersönlichen Business-Pfad nicht zu verlassen und zu viel Persönlichkeit oder Individualität zu zeigen. Überzeugen Sie mit Ihrem technischen Skill und Ihrer Projekterfahrung. Den Agenturen, die Projekte besetzen wollen und auch bei dem Wettbewerb zum Freelancer des Jahres, geht es nur darum.

Lohnt sich eine Teilnahme?

Kein Preis, also aller Aufwand umsonst? Auf keinen Fall. Nach wie vor empfehle ich jedem Selbstständigen, sich dem Wettbewerb zu stellen. Sei es nun, durch Projektbewerbungen, Akquise-Gesprächen, Interviews oder auch der Teilnahme an Wettbewerben oder anderen branchenspezifischen Preisen. Jeder Kontakt, bei dem wir gefordert sind, uns und unsere Leistung darzustellen, zu erklären, was wir tun und wie wir es tun, im Dialog mit anderen Experten sind, ist bereits ein Gewinn.

Auch, wenn ich entschieden habe, kein zweites Mal mehr an diesem Wettbewerb teilzunehmen, hat es sich dennoch gelohnt. Denn die Vorbereitung hat mir weitere Klarheit gebracht, zu guten Gesprächen geführt und mir neue geschäftliche Kontakte beschert. Ich habe im Vorfeld mit meinen Kunden meine Bewerbung besprochen und um Referenzen gebeten. Dank dieser Gespräche konnte ich mein Profil und meine Positionierung weiter schärfen.

Agenturen verstehen Selbstständigkeit nicht

Gleichzeitig hat mir der Wettbewerb (nochmals) bestätigt, worum es den Agenturen geht: Sie brauchen Matches. Bodies, welche die Know-how-Lücke beim Kunden füllen. Selbstständigkeit ist eine eigene Disziplin, die nicht vergleichbar ist mit dem Auftritt eines Angestellten. Solange in der IT die meisten Externen über Agenturen eingekauft werden, muss dieser Disziplin nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet werden. Allerdings erhöht sich damit auch die Gefahr, von Scheinselbstständigkeit oder arbeitähnlicher Selbstständigkeit überrascht zu werden. Widersprüche erkenne ich auch zwischen den Erwartungen und Bedürfnissen unserer Projektkunden und dem, was die Agenturen anbieten. Individuelle Lösungen lassen sich nun mal nicht über standardisierte Verfahren anbieten und überfordern die Prozesse der Agenturen.

Empfehlungen

Ich empfehle dem IT Freelancer Magazin dringend die Zusmmensetzung der Jury zu überdenken. Es bietet. sich an, neben den Agenturen  verstärkt andere Selbstständige und Projektkunden in der Jury mit aufzunehmen. Open Book heißt, die Bewertung den Teilnehmern offenzulegen und nicht nur anzukündigen. Freelancing ist so viel Mehr, als den Anforderungen von Agenturen zu genügen. Das Magazin sollte aufpassen, sich nicht zum Sprachrohr von Agenturen zu machen, sondern den Anforderungen der Freelancer gerecht zu werden. Sonst trägt es seinen Titel zu Unrecht.

 

 

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